2050 - Chapter 1
Ich wachte auf. Der Wecker zeigte 06:30 an, genau wie jeden Morgen. 5 mal piepte er, um mich an diesem Septembermorgen aus meinem Schlaf zu holen. Nicht, dass ich besonders tief geschlafen hätte, nein, denn auch ich hatte damals wie jeder andere mit der LifeCard auch ein automatisiertes, speziell auf den Gencode zugeschnittenes Weckprogramm erhalten, das Schlafgewohnheiten überwachte und den Betreffenden je nach Schlafphase und -dauer aufweckte. Vor 30 Jahren, als Forscher herausfanden, dass exakt 9 Töne in einer hohen Frequenz nötig sind, um einen Menschen aus dem Tiefschlaf zu reißen, wurden die Wecker zunächst auf ebenjene 9 Piepstöne umgestellt. Jedoch wurde kurz danach die LifeCard mit der Weckpersonalisierung eingeführt und die Anzahl der Wecklaute variierte nun je nach Schlafphase. Jedenfalls klingelte der Wecker jeden Morgen um 06:30, da mein Schlafrhythmus ziemlich regelmäßig war.Als ich mich in meinem Bett aufsetzte, fuhren die Rolläden automatisch nach oben, und ich konnte den Sonnenaufgang beobachten. Ich stand auf, streckte mich, ging ins Bad und schaute in den Spiegel. Wieder ein neuer Tag in dieser Stadt, wieder mal ich. Ich, das heißt Daniel Czernyk, auf der Arbeit jedoch unter dem Code DC318-G bekannt. Die ersten beiden Buchstaben stehen für meine Initialen, die Nummern dahinter repräsentieren meinen Geburtstag und das G ist die Bezeichnung für meinen Meldebezirk. So weiß jeder direkt, mit wem er es zu tun hat. Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und ging zurück ins Schlafzimmer, um mich anzuziehen. Dieser Tag war ein Donnerstag, also griff ich nach meiner Arbeitsuniform, die aus einer gepflegten Jeans, einem schwarzen Sakko und einem hellblauen Hemd mit dem Firmenlogo bestand. „Life Corp“ stand über der linken Brust in fein säuberlich gestickten Buchstaben, darunter war der Name meiner Abteilung zu sehen – „G.O.D.“ – was soviel bedeutet wie „General Observation Department“. Rechts neben den beiden Schriftzügen war das Firmenlogo zu erkennen, ein Herz mit einem darüber liegenden Kreuz. Dieses Logo verdeutlichte unser Motto „Für besten Service von Geburt an bis hin zum Sterbebett“. Die Life Corp kümmerte sich darum, dass jeder seine LifeCard mit LifeID bekam, dass von jedem Neugeborenen die biometrischen Daten wie Fingerabdruck und Gencode, in späteren Jahren dann auch Irisscan und Gesichtsgeometrie, erfasst wurden und dass diese Daten in einem Chip gespeichert wurden, der in die LifeCard eingesetzt wurde. Meine Aufgaben beschränkten sich auf die Überwachung des Sektors 4-B, der insgesamt 5 Blocks umfasste, und auf die Meldung nichtidentifizierbarer Personen.
Mit ein wenig Vorfreude auf den vor mir liegenden Arbeitstag schalte ich meine iGbox ein, steckte meine LifeCard hinein und wählte das Modul „iFit“, um auf meinen personalisierten Ernährungsplan für heute zuzugreifen. Während die neusten Daten für meine Einkaufsliste an die LifeCard gesendet wurden, bereitete ich mir das vorgegebene Frühstück, bestehend aus einem Apfel, einem fett- und zuckerlosen Fruchtjoghurt und einer kleinen Flasche BrainUp! zu. Als ich mich an den Esstisch setzte, hatte die iGbox bereits eine Verbindung zum Internet aufgebaut, lud das aktuellste Update für ihr Betriebssystem LimeDroid herunter und präsentierte mir meine personalisierten Nachrichten und außerdem noch ungelesene E-Mails. Kauend las ich die Meldungen des Tages und diktierte flux Antworten auf die Mails. Als ich fertig mit Essen war, stellte ich das dreckige Geschirr in meine Geschirrspülmaschine, schaltete die iGbox aus, entnahm meine Karte und schnappte mir eine dem Herbst angepasste Jacke. Ich schloss die Tür hinter mir, zog meine LifeCard durch den Kartenleser, der das Schloss automatisch verriegelte, und betrat den Flur. 19 andere Appartments befanden sich noch auf dieser Etage. Mit dem Aufzug, der ständigen Überwachung deutlich bewusst und mit einem sicheren Gefühl im Magen, fuhr ich ins Erdgeschoss. Nachdem ich den kurzen Gang durchquert hatte, zog ich meine Karte durch einen anderen Kartenleser, verließ den Wohnkomplex und trat hinaus in den recht windigen Tag. Der Herbst hatte begonnen.





